Lockdown im Landkreis

Familien sind systemrelevant

Pressemitteilung: zum Thema Lockdown und Schließung von Bildungseinrichtungen

Rottal-Inn. Die Einschränkungen und Schließungen, die Covid 19 derzeit in Rottal-Inn und ganz Bayern verursacht, werden kontrovers diskutiert. Auch bei den Grünen MandatsträgerInnen herrscht ein reger Austausch und nicht in jedem Punkt sind sich alle einig – wie in der jüngsten Online-Konferenz deutlich wurde.
«Gerade das macht unsere Partei aus. Wir akzeptieren verschiedene Meinungen und diskutieren leidenschaftlich. Nichts ist schlimmer in dieser Situation, als aus dem Gespräch zu kommen und keine offenen Ohren mehr für Kritik und gute Ideen zu haben», stellten die neuen KreissprecherInnen Silke Lohr und Andreas Honisch fest.

Dabei ist den Grünen eines klar: Kritik sollte in dieser Situation nicht an die Landkreisverwaltung gehen, wie Bezirksrätin Mia Goller betonte. «Hier tun alle Mitarbeiter, was sie können. Die rasant steigenden Infektionszahlen im Landkreis Rottal-Inn bedürfen Einschränkungen zur Eindämmung des Pandemie-Geschehens, dies stellt keiner in Frage. Covid 19 ist eine ernste Erkrankung und Maßnahmen, die das Überlasten des Gesundheitssystems bewirken können, müssen ohne Zweifel getroffen werden.»

Die Grünen Rottal-Inn bezweifeln aber, dass das erste Mittel der Wahl die reflexartige Schließungen von Kitas und Schulen sein muss.
«Ich stelle mir die Frage, welchen Stellenwert haben Familien in Bayern? Kinder sind ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft und können nicht ausbaden, was die Regierung über die Sommermonate verschlafen hat», so Silke Lohr.
Die Investitionen in Luftfilter und CO<sub>2</sub>-Ampeln stecken noch in den Kinderschuhen und sind anscheinend nicht durchdacht.

Der Kreisverband Rottal-Inn fordert, dass für alle zukünftigen Lockdowns die Schließungen auf Fakten der Ansteckung beruhen muss und nicht auf blindem Aktionismus.
«So besagen mehrere Studien, dass Kinder eben keine Superspreader sind und es ist noch keinerlei Nachweis erbracht worden, dass sich Kinder vermehrt in Kitas oder Schulen anstecken. Wohingegen klar vorhersehbar ist, dass die Eltern die Kita- und Schulschließungen alleine nicht mehr stemmen können und folglich schon Panik haben, dass Kitas und Schulen wieder so lange geschlossen werden wie zu Beginn der Pandemie. Eltern tragen grundsätzlich eine schwere Last, wenn sie Familie und Beruf vereinbaren wollen.», so Andreas Honisch.

Stadträtin Dagmar Hermann (Eggenfelden) und Kreisrat Günther Reiser machten als ehemalige LehrerInnen auf die Konsequenzen für den Nachwuchs aufmerksam: «Für dieKinder bedeutet Homeschooling oder auch der abwechselnde Präsenzunterricht, dass schwache Kinder weiter den Anschluss verlieren, da der Lehrplan natürlich nicht der Pandemie angepasst und inhaltlich reduziert wurde. In der Kita wird auf die Vorschule und spezielle Förderung ebenfalls verzichtet. Auf die technische Ausstattung innerhalb der Familien wird auch nur bedingt Rücksicht genommen. Der, der nicht online dabei ist, der hatsowieso verloren.»

Reiser erinnerte, dass er als Fraktionsvorsitzender schon im Sommer angesprochen hat, wie denn mit der zweiten Welle umgegangen werden soll: «Ich habe damals daran erinnert, dass Busse und Schulgebäude vorbereitet werden müssen. Damals wurde ich nur abgespeist.»

Stadtrat Tobias Hanig (Pfarrkirchen) stellte fest, dass gerade jetzt kreative Lösungen gefragt sind. Er könne sich vorstellen, dass die Grundschulen offen bleiben und die SchülerInnen auf die Gebäude der höheren Schulen verteilt werden. Auch die Stadtsäle wären für solche Ideen geeignet.

«Trotz allen Einschränkungen muß für Familien mit Kindern ein „Normaler“ Alltag erhaltenbleiben», findet Kreisrat Ludwig Reil. Kinder brauchen seiner Meinung nach auch Bewegung und frische Luft! Ob Einkaufen oder Spazierengehen, Radfahren oder Spielen im Freien sollte in jedem Fall immer mit gebotenem Abstand möglich bleiben, um den Kindern ein wenig Abwechslung zu bieten.

Ärztin Dr. Cornelia Reichardt ging auf die medizinischen Aspekte ein:
«Bei allen Maßnahmen sollten zu erwartende Wirksamkeit und unerwünschte Nebenwirkungen in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. So gibt es bereits jetzt erhebliche Auswirkungen der verschiedenen Einschränkungen auf die Gesundheit breiter Bevölkerungsschichten. Diese werden uns, abhängig von der Dauer der Belastung, ebenso wie ökonomische und soziale Folgen noch länger beschäftigen: Verschlechterung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen von 20- bis 50-jährigen, und psychisch Vorerkrankten, Zunahme des Alkohol-, Tabak- und Drogenkonsums, Zunahme der häuslichen Gewalt, Zunahme der Fettleibigkeit bei Schülern. Die Langzeitfolgen sind derzeit nicht absehbar. Da uns das Virus aber mit Sicherheitnoch länger beschäftigen wird, sollten sämtliche Konsequenzender verschiedenen Maßnahmen berücksichtigt werden, um langfristig sinnvollereStrategien zu entwickeln, als wiederholte unspezifische Lockdowns mit massivenKollateralschäden.»

Kritik am Landratsamt gab es von Kreisrätin Maria Watzl:
«Das Landratsamt informiert nicht ausreichend darüber, in wie weit Schulen und Kitas das Infektionsgeschehen im Landkreis beschleunigt bzw. möglich gemacht haben. Deshalb waren die vor den Herbstferien wegen des hohen Inzidenzwertes getroffenenMaßnahmen schwer für SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern nachvollziehbar – sie erschienen sogar unverhältnismäßig. Deshalb die Bitte an dieVerantwortlichen zukünftig mit dem richtigen Augenmaß zu entscheiden. Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Bildung und Teilhabe. Dieses sollte nur im äußersten Notfall und nachAbwägung aller vorhandenen Fakten eingeschränkt werden.»

Lesen Sie den ganzen Artikel in der
Passauer Neue Presse vom 07.11.2020
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