Jahrhundertflut: «Wir standen plötzlich vor dem Nichts»

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Zehn Jahre nach der Flutkatastrophe erinnert Mia Goller an die Verwüstungen in Simbach und Anzenkirchen – Dank an Helfer und Mahnung zu weiterem Hochwasserschutz

Am 1. Juni jährt sich die schwere Flutkatastrophe in der Region Simbach am Inn zum zehnten Mal. Die Wassermassen forderten Todesopfer, zerstörten Häuser, rissen Straßen auf, verwüsteten ganze Straßenzüge und haben sich tief in das Gedächtnis der betroffenen Menschen eingebrannt. Auch Mia Goller, heute Landtagsabgeordnete der Grünen und in ihrer Fraktion zuständig für Landwirtschaft und Wald, war damals unmittelbar betroffen. Ihr Haus in Anzenkirchen wurde von Wasser und Schlamm verwüstet, das Mobiliar war zerstört.

«Wir standen plötzlich vor dem Nichts», erinnert sich Goller. Was bis dahin Zuhause gewesen sei, sei innerhalb kurzer Zeit nicht mehr bewohnbar gewesen. «Man funktioniert in so einer Situation erst einmal nur. Aber wenn man später begreift, was alles verloren ist, dann trifft einen das noch einmal mit voller Wucht.»

Zehn Jahre später denkt Mia Goller jedoch nicht nur an die Zerstörung zurück, sondern vor allem an die Menschen, die damals geholfen haben. «Was mich bis heute tief berührt, ist diese ungeheure Welle der Hilfsbereitschaft», sagt sie. Nachbarn, Freunde, Bekannte, aber auch völlig fremde Menschen hätten nicht lange gefragt, sondern einfach angepackt. «Da wurde geschaufelt, ausgeräumt, getröstet, organisiert, gekocht und geholfen. In diesen Tagen hat man gespürt, was Zusammenhalt wirklich bedeutet.»

Besonders dankbar erinnert sich Goller an Hermann Ertl und seine Helferinnen und Helfer. «Wir hätten mit den vier Kindern damals große Probleme gehabt, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Hermann Ertl hat sich sofort engagiert und uns aufgenommen. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar. Später beherbergte uns die evangelische Gemeinde in Pfarrkirchen über Monate, bis wir schließlich ein neues Zuhause in Diepoltskirchen gefunden hatten. Das war im wahrsten Sinne christliche Nächstenliebe und wir werden das nie vergessen.», so Goller.

Großen Respekt empfindet die Abgeordnete auch für den Einsatz der Rettungs- und Hilfsorganisationen. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Rotes Kreuz, Polizei, Rettungskräfte und viele weitere Helfer hätten in diesen Tagen und Wochen nahezu Übermenschliches geleistet. «Viele von ihnen waren selbst erschöpft, manche waren auch persönlich betroffen, und trotzdem haben sie weitergemacht. Dieser Einsatz verdient auch zehn Jahre danach größten Dank und höchste Anerkennung.»

Auch die Unterstützung durch den Landkreis sei in dieser schwierigen Zeit wichtig gewesen. Es habe Soforthilfen gegeben, aber auch längerfristige Unterstützung für die Menschen, die vor den Trümmern ihrer Existenz standen. «Viele haben damals Verantwortung übernommen – schnell, unbürokratisch und mit großem Herzen», sagt Goller.

Der Jahrestag sei deshalb ein Tag der Trauer und des Erinnerns, aber auch ein Tag der Dankbarkeit. «Wir denken an die Menschen, die ihr Leben verloren haben, und an alle Familien, die durch diese Katastrophe schwer getroffen wurden. Und wir erinnern uns daran, wie verletzlich das ist, was wir oft für selbstverständlich halten: unser Zuhause, unsere Sicherheit, unser Alltag.»

Ganz abgeschlossen sei das Erlebte für viele Betroffene bis heute nicht. Auch Mia Goller kennt diese Momente. «Wenn sich Gewitterwolken zusammenziehen, wenn es stark regnet, dann bekomme ich noch immer Angst. Dann kommen die Erinnerungen wieder hoch. Ich weiß, dass es vielen Menschen, die damals betroffen waren, ganz ähnlich geht.»

Als heutige Landtagsabgeordnete sieht Goller aus der Katastrophe auch einen klaren politischen Auftrag. Hochwasserschutz müsse beständig verbessert werden. Vieles sei nach der Flut geschehen, vieles sei auf den Weg gebracht worden. Dennoch stelle sie immer wieder fest, dass gerade bei kleineren Bachgewässern noch viel zu tun sei. «Wir haben erlebt, was passiert, wenn zu viel Wasser kommt. Dann werden auch kleine Bäche plötzlich zur Gefahr, wenn es keine Möglichkeit gibt, das Wasser auf die Fläche zu bringen, wo es Platz hat», sagt Goller.

Erst vor kurzem sei sie bei einer Exkursion am Eisbach bei Eggenfelden darauf aufmerksam gemacht worden, dass dieser Bach im Rahmen einer Sanierung in einer Form begradigt wurde, die man heute eigentlich nicht mehr so durchführen sollte, wenn man Hochwasserschutz ernst nehme. Für Goller zeigt dieses Beispiel, wie wichtig es sei, Gewässerentwicklung, Rückhalteräume, Naturschutz und Schutz der Bevölkerung gemeinsam zu denken. «Hier will ich mich weiter stark machen», betont sie.

Am Jahrestag der Flut stehe für sie jedoch vor allem der Dank im Mittelpunkt. «Die Hilfe, die damals geleistet wurde, das war Hilfe von Menschen für Menschen. Das war einfach großartig. Ich werde das sicher niemals vergessen.»

Für Mia Goller bleibt der 1. Juni 2016 ein Einschnitt im eigenen Leben und in der Geschichte der Region. «Die Flut hat sehr viel zerstört. Aber sie hat auch sichtbar gemacht, wie viel Menschlichkeit, Kraft und Zusammenhalt in unserer Region steckt. Das vergesse ich nie.»

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